Aggression

»Jede wirklich neue Idee ist ja eine Aggression.« 1

Meret Oppenheim

Aggressionen können grundlos sein und zugleich ihre Gründe haben. Gängige Feindbilder in einem auf gemächliche Routine bedachten Alltag sind unplanmäßige Lärmerzeuger – klassischer Weise Rasenmäher und Kinder. Wer nebenbei und ziellos die nachbarliche Ruhe stört, der wird mit dem Einsatz von Besenstielen oder dem der Polizei gestraft. Derjenige, der sich angegriffen fühlt, tritt dabei leicht selbst als hilflos wütender Aggressor auf. In ikonoklastischen Attacken schreitet gerade der Kunstbetrachter gelegentlich und plötzlich zur Tat.

Unausgesprochene Spannungen sind die quälende, langwierige Variante der Aggression. So kann das Ideal der Selbstbeherrschung nach Erich Kästner nicht zuletzt für Oberkellner zu beklemmenden Situationen führen: ›Ich habe eine Wut im Bauch, die passt nicht in die Weste.‹

Ihre produktive Kraft wird zumeist unterschätzt, doch besitzt die Aggression nicht nur das Potential zu blinder Zerstörungswut. Neben Boxkämpfen und Lachkrämpfen kann auch die Kunst eine befreiende Wirkung haben: Niki de Saint-Phalle sucht und findet Anfang der 1960er Jahre Mittel und Wege zur Selbstbefreiung durch aggressive Gesten. Sie greift zur Schusswaffe und zielt auf ihre mit Farbbeuteln präparierten Bilder – 1961 lässt sie ihr Publikum schießen. Dieter Roth bleibt Ende der 1970er Jahre entspannt, erkennt die musikalische Qualität eines spanischen Tierheims und lässt vierundzwanzig Stunden lang das Gekläffe, Gebelle und Gejaule der vierbeinigen Insassen auf Tonband aufzeichnen 2. Die Gelassenheit als Gegenpart der Aggression kann nie schaden und fehlt doch oft.

Blick

»Wir sind der Blinde, das Auge ist der Hund, der uns führt.« 3

Denis Diderot

Unschuld, Verführung, Vieldeutigkeit oder Aufdringlichkeit finden in ihm seinen Ausdruck. Wenn er töten könnte, wäre es ein gewagtes Unterfangen, durch ihn Kontakt aufzunehmen, und starrt er, so macht er sich verdächtig. Den eigenen Blick können wir schweifen lassen, denjenigen der anderen müssen wir aushalten. Will er andere überzeugen, so muss der Blick wach und klar sein.

Mit der Erfindung der Photographie gewinnt der im Bild eingefangene Blick eine neue Dimension: »Denn die Photographie hat diese Macht […], mir direkt in die Augen zu sehen.« 4 1865 fotografiert Alexander Gardner den Attentäter Lewis Payne in der Todeszelle. Das Photo sei schön, schön sei auch der junge Mann, schreibt Roland Barthes. Das Bestechende, Erschreckende dabei sei die Gleichzeitigkeit. Denn die »vollendete Vergangenheit der Pose« setzt den Tod nicht nur in die Zukunft, sondern ins Bild und wir erschauern »vor einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat.« 5

Gilbert K. Chesterton beobachtet in einer seiner phantastischen Geschichten präzise die hastigen Besucher eines Schnellrestaurants. Unaufhörlich ist ihr Blick mit einem Auge zur Seite gerichtet, »hypnotisiert vom riesigen Auge der Uhr.« 6 Ein Einziger verhält sich gegenteilig, behandelt alles mit einer an Nervosität grenzenden Sorgfalt – mit blicktechnisch verstörender Wirkung: »Wie ich zögernd aufsah, trafen sich unsere Blicke, und der seine war von apokalyptischer Starre.« 7

Gold

»everything I touch turns into gold« 8

Ben Vautier

Vor der Kunst machte es das Märchen möglich: aus Stroh wird Gold gesponnen, vom Himmel fällt kein Niesel-, sondern Goldregen. Gerade in der Geschichte der Kunst spielt Gold eine besondere Rolle. Von einer maßlosen Verwendung im Glauben, »Gold verleihe einem Vorgang so etwas wie Erhabenheit«, rät schon Leon Battista Alberti ab (De Pictura, 1435/36). Der geschickte Einsatz der Farben, nicht die platte Verwendung von Gold ist für ihn bewundernswert, die Technik – nicht das Material – die Kostbarkeit.

Goldketten sind in ihrer Verniedlichungsform zum Klischee verkommen und der hilflose Versuch der Schmuck- und Nippesindustrie, den schimmernden Goldglanz überzeugend zu imitieren, ist seit jeher zum Scheitern verurteilt. Der massive Wert des Goldbarrens findet seinen zerbrechlichen Widerpart im hauchdünnen, zum Bruchteil eines Millimeters ausgeschlagenen Blattgold, an dessen Herstellungsprinzip sich seit vorchristlichen Zeiten wenig geändert hat.

Von der Goldwährung über den Goldenen Schnitt und die gleichnamige Hochzeit bis hin zum »Original Danziger Goldwasser mit echtem Blattgold« – meist charakterisiert es das Beständige und Besondere. Goldrausch und Goldener Schuss sind die zwiespältigen beziehungsweise endgültigen Varianten geschürter Hoffnungen. So bleibt das Wesen des Goldes zwiespältig, angesiedelt zwischen Glück und Unglück.